
Titelbild: KI-generiert, Darstellung beispielhaft.
Kurzantwort
Bifidobacterium und Lactobacillus sind zwei Bakteriengattungen, die beide Milchsäure bilden, aber biologisch kaum verwandt sind. Bifidobakterien leben vor allem im Dickdarm, brauchen fast keinen Sauerstoff und sind bei gestillten Babys besonders häufig. Laktobazillen findest du eher im Dünndarm, im Mund, in der Scheidenflora und in fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut. Seit 2020 heißen viele frühere Lactobacillus-Arten wissenschaftlich anders, zum Beispiel Lactiplantibacillus plantarum.
Auf einen Blick
- Bifidobacterium gehört zu den Actinomycetota, Lactobacillus zu den Bacillota: zwei völlig verschiedene Bakterienstämme.
- Bifidobakterien sind Dickdarm-Bewohner, Laktobazillen eher Allrounder in Darm, Mund und Lebensmitteln.
- 2020 wurde die Gattung Lactobacillus in 25 Gattungen aufgeteilt, die Abkürzung „L.“ bleibt meist gleich.
- Ein vollständiger Name besteht aus Gattung, Art und Stammbezeichnung, Studienergebnisse gelten nur für den jeweiligen Stamm.
- Für Bakterienkulturen gibt es in der EU keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben.
Wenn du schon mal das Etikett eines pflanzlichen Joghurts oder einer Kapseldose mit Bakterienkulturen gelesen hast, kennst du das: Bifidobacterium longum, Lactobacillus plantarum, B. lactis, L. rhamnosus. Klingt wie die Besetzungsliste einer lateinischen Oper. Und irgendwann fragt man sich: Sind das nicht alles dieselben Bakterien mit verschiedenen Nachnamen?
Kurz gesagt: nein. Bifidobakterien und Laktobazillen haben zwar einen ähnlichen Job, nämlich Zucker zu Milchsäure zu vergären. Stammesgeschichtlich sind sie aber ungefähr so eng verwandt wie Pilze und Brokkoli. Hier kommt die Erklärung, die ich mir vor ein paar Jahren gewünscht hätte.
Was ist Bifidobacterium?
Bifidobakterien wurden 1899 von dem französischen Kinderarzt Henri Tissier am Institut Pasteur entdeckt, und zwar im Stuhl gestillter Säuglinge. Unter dem Mikroskop sahen sie aus wie kleine Ypsilons oder gegabelte Stäbchen. Daher der Name: „bifidus“ heißt auf Latein gespalten.
Biologisch gehört Bifidobacterium zu den Actinomycetota. Die meisten Arten sind streng anaerob, sie vertragen Sauerstoff also kaum. Deshalb fühlen sie sich im sauerstoffarmen Dickdarm am wohlsten. Beim Vergären von Zucker nutzen sie einen eigenen Stoffwechselweg, den sogenannten Bifidus-Shunt, und bilden dabei Essigsäure und Milchsäure im Verhältnis von etwa 3 zu 2.
Bei gestillten Babys gehören Bifidobakterien oft zu den häufigsten Darmbakterien. Das liegt an speziellen Zuckern in der Muttermilch, den humanen Milch-Oligosacchariden, die vor allem Bifidobacterium longum subsp. infantis gut verwerten kann. Mit dem Älterwerden sinkt ihr Anteil, bei Erwachsenen machen sie meist nur noch wenige Prozent aus. Bekannte Arten sind B. longum, B. breve, B. bifidum, B. adolescentis und B. animalis subsp. lactis, die im Handel oft einfach „B. lactis“ heißt.
Was ist Lactobacillus?
Lactobacillus wurde 1901 von dem niederländischen Mikrobiologen Martinus Beijerinck beschrieben. Die Bakterien sind stäbchenförmig und gehören zu den Bacillota. Anders als Bifidobakterien kommen viele Laktobazillen gut mit etwas Sauerstoff zurecht. Das macht sie zu Allroundern.
Du findest sie auf Pflanzen, in Sauerkraut und Sauerteig, im Mund, im Dünndarm und in der Scheidenflora, wo Arten wie L. crispatus oder L. gasseri häufig vorkommen. Im Dickdarm von Erwachsenen machen sie dagegen nur einen kleinen Teil der Bakterien aus. Einen Überblick über die ganze Gruppe der Milchsäurebakterien bekommst du in Milchsäurebakterien einfach erklärt.
Bifidobacterium und Lactobacillus im direkten Vergleich
| Merkmal | Bifidobacterium | Lactobacillus (im alten, weiten Sinn) |
|---|---|---|
| Bakterienstamm | Actinomycetota | Bacillota |
| Form | gegabelte, Y-förmige Stäbchen | gerade Stäbchen |
| Sauerstoff | meist streng anaerob | oft sauerstofftolerant |
| Hauptprodukte | Essigsäure und Milchsäure (ca. 3:2) | vor allem Milchsäure, je nach Art auch Essigsäure, Ethanol, CO₂ |
| Typischer Lebensraum | Dickdarm, besonders bei Säuglingen | Dünndarm, Mund, Scheidenflora, Pflanzen |
| In fermentierten Lebensmitteln | selten, meist gezielt zugesetzt | häufig, zum Beispiel Sauerkraut, Kimchi, Sauerteig |
Die Gemeinsamkeit, die beiden ihren Ruf eingebracht hat: Sie vergären Kohlenhydrate zu Milchsäure. Deshalb werden sie im Alltag gemeinsam als Milchsäurebakterien bezeichnet, auch wenn Bifidobakterien im engeren mikrobiologischen Sinn eigentlich nicht zu dieser Gruppe gehören.
Warum heißt Lactobacillus plantarum jetzt anders?
Lange war Lactobacillus eine Art Sammelbecken mit über 250 Arten, die genetisch erstaunlich unterschiedlich waren. Ein internationales Forschungsteam um Jinshui Zheng hat die Gattung deshalb 2020 neu sortiert. Ergebnis: 25 Gattungen statt einer. Lactobacillus im engeren Sinn gibt es weiterhin, aber viele bekannte Arten sind umgezogen.
| Name auf vielen Etiketten | Aktueller wissenschaftlicher Name |
|---|---|
| Lactobacillus plantarum | Lactiplantibacillus plantarum |
| Lactobacillus rhamnosus | Lacticaseibacillus rhamnosus |
| Lactobacillus casei / paracasei | Lacticaseibacillus casei / paracasei |
| Lactobacillus salivarius | Ligilactobacillus salivarius |
| Lactobacillus reuteri | Limosilactobacillus reuteri |
| Lactobacillus acidophilus, gasseri, crispatus | unverändert Lactobacillus |
| Bifidobacterium lactis | Bifidobacterium animalis subsp. lactis |
| Bifidobacterium infantis | Bifidobacterium longum subsp. infantis |
Der kleine Trick der Forschenden: Fast alle neuen Gattungsnamen beginnen wieder mit L. Abgekürzt bleibt also L. plantarum weiterhin L. plantarum. Viele Hersteller nutzen deshalb noch die alten Namen, die Bakterien sind dieselben.
Stammbezeichnung und KBE: So liest du den Namen richtig
Ein vollständiger Bakterienname hat bis zu vier Teile. Nehmen wir als Beispiel Lacticaseibacillus rhamnosus GG:
- Gattung: Lacticaseibacillus, also die „Familie“ im Alltagssinn.
- Art: rhamnosus.
- Unterart, falls vorhanden: etwa subsp. lactis bei Bifidobacterium animalis.
- Stamm: GG, quasi der Vorname. Dazu gehört oft eine Hinterlegungsnummer bei einer Stammsammlung.
Der Stamm ist wichtig, weil sich Studienergebnisse immer nur auf einen bestimmten Stamm beziehen. Was für einen Stamm von Bifidobacterium longum gezeigt wurde, gilt nicht automatisch für einen anderen. In der Fachliteratur heißen solche Kulturen Probiotika, wenn für sie ein gesundheitlicher Nutzen belegt sein soll. Auf Lebensmitteln ist dieser Begriff in der EU nicht erlaubt, da es für keine Bakterienkultur eine zugelassene Aussage gibt.
KBE steht für koloniebildende Einheiten und beschreibt, wie viele vermehrungsfähige Bakterien drinstecken. 1 × 10⁹ KBE sind eine Milliarde. Rechenbeispiel: Eine Kapsel mit neun Kulturen à 1 × 10⁹ KBE enthält insgesamt 9 Milliarden KBE. Achte darauf, ob der Wert für den Zeitpunkt der Herstellung oder für das Ende der Haltbarkeit angegeben ist. Mehr Tipps gibt es in Etikett lesen bei Bakterienkulturen.
In welchen Lebensmitteln stecken die Kulturen?
Laktobazillen und ihre neuen Verwandten sind in vielen fermentierten Pflanzenlebensmitteln zu Hause. Lactiplantibacillus plantarum ist zum Beispiel ein Klassiker in Sauerkraut, Kimchi und milchsauer eingelegten Gurken. Wichtig: Nur ungepasteurisierte Ware aus dem Kühlregal enthält noch lebende Kulturen. Sauerkraut aus der Dose wurde erhitzt, und im gebackenen Sauerteigbrot überleben die Bakterien die Ofenhitze nicht.
Bifidobakterien sind in fermentierten Lebensmitteln dagegen selten, weil sie Sauerstoff schlecht vertragen. Du findest sie vor allem dort, wo sie gezielt zugesetzt werden, etwa in manchen pflanzlichen Joghurtalternativen. Ideen für die vegane Küche findest du in unserem Guide zu fermentierten Lebensmitteln. Und wer überhaupt im Darm wohnt, liest du in Darmbakterien erklärt.
Passend zum Thema: HBalance9
HBalance9 enthält pro Kapsel fünf Bifidobacterium-Arten (B. infantis, B. longum, B. breve, B. bifidum, B. lactis) und vier Lactobacillus-Arten (L. rhamnosus, L. plantarum, L. salivarius, L. gasseri) mit je 1 × 10⁹ KBE, mikroverkapselt und magensaftresistent, dazu 380 mg Ballaststoffe. Eine Dose reicht bei 1 Kapsel täglich 120 Tage. Wirkaussagen zu Bakterienkulturen machen wir nicht.
Häufige Fragen
Sind Bifidobakterien und Laktobazillen dasselbe?
Nein. Beide bilden Milchsäure, gehören aber zu verschiedenen Bakterienstämmen und leben bevorzugt in unterschiedlichen Bereichen des Körpers.
Was ist Bifidobacterium longum?
Eine der häufigsten Bifidobakterien-Arten im menschlichen Darm. Sie hat mehrere Unterarten, darunter subsp. longum und subsp. infantis, die bei Säuglingen besonders verbreitet ist.
Was ist Lactobacillus plantarum?
Ein sehr anpassungsfähiges Milchsäurebakterium, das auf Pflanzen und in fermentiertem Gemüse vorkommt. Seit 2020 heißt es wissenschaftlich Lactiplantibacillus plantarum.
Sind Bakterienkulturen vegan?
Die Bakterien selbst ja. Entscheidend ist, worauf sie gezüchtet wurden und was sonst im Produkt steckt, etwa Milchbestandteile oder eine Gelatinekapsel. Achte auf eine klare vegane Kennzeichnung.
Wie viele KBE sind sinnvoll?
Eine allgemein gültige Menge gibt es nicht, weil Ergebnisse immer vom Stamm abhängen. Mehr KBE bedeuten nicht automatisch mehr Nutzen. Bei Fragen zu deiner Situation, besonders in der Schwangerschaft oder bei geschwächtem Immunsystem, sprich mit deiner Ärztin.
Unterm Strich
Bifidobakterien sind die stillen Dickdarm-Spezialisten, Laktobazillen die geselligen Allrounder aus Sauerkrautglas und Mundhöhle. Beide vergären Zucker zu Milchsäure, mehr Familienähnlichkeit gibt es nicht. Und wenn auf einem Etikett noch „Lactobacillus“ steht, wo die Wissenschaft längst „Lactiplantibacillus“ sagt, ist das kein Fehler, nur ein Name aus der Zeit vor 2020.
Mein Tipp: Lies beim nächsten Einkauf mal die Rückseite deines Sauerkrauts. Steht da „pasteurisiert“, weißt du jetzt, warum die Kulturen nicht mehr mitspielen.
Quellen
- Zheng J et al. (2020): A taxonomic note on the genus Lactobacillus: Description of 23 novel genera, emended description of the genus Lactobacillus Beijerinck 1901, and union of Lactobacillaceae and Leuconostocaceae. Int J Syst Evol Microbiol.
- FAO/WHO (2006): Probiotics in food. Health and nutritional properties and guidelines for evaluation. FAO Food and Nutrition Paper 85.
- Europäische Kommission: EU-Register der nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben
- Verbraucherzentrale: Lebensmittel mit „präbiotischen Ballaststoffen“, Wirkung nicht belegt
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.













